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Wie aus Plastikflaschen Garne entstehen


Zwar hält Essen und Trinken Leib und Seele zusammen, doch wollten gut zwei Dutzend SEGOs am 14. November zum ersten Termin des Winterprogramms 2019/2020 vor dem Gans- und Entenessen im Clubhaus noch etwas unternehmen, um ihren Wissensdurst zu stillen. Klaus Mierke hatte zu einer Führung durch das denkmalgeschützte Areal der Firma Otto Textil GmbH nach Wendlingen-Unterboihingen eingeladen. Tamer Coskun, seit mehr als 30 Jahren Geschäftsführer der Spinnerei, und Hartmut Otto, früherer Geschäftsführer des Familienbetriebs HOS-Gruppe, hatten sich eineinhalb Stunden Zeit genommen, um die interessierte Gruppe durch die Spinnerei und das alte Kraftwerk am Neckar zu führen.

 

Während Tamer Coskun – sein ehemaliger Chef nannte ihn die Seele der Unterboihinger Spinnerei -  mit großem Engagement die einzelnen Stationen vom Rohprodukt bis zum fertigen Garn erläuterte, ging Hartmut Otto auf die traditionsreiche mehr als 200 Jahre alte Firmengeschichte ein. Immanuel Friedrich Otto, Sohn einer Stuttgarter Kaufmannsfamilie, gründete 1815 in Nürtingen eine Baumwollspinnerei. Diese Firma sollte im Laufe der folgenden zwei Jahrhunderte die industrielle Geschichte der Region wesentlich mitprägen.  Sohn Heinrich Otto wollte den damals blühenden Betrieb erweitern und eröffnete in Unterboihingen 1861 eine Spinnerei, die sich ihren Strom aus dem eigens angelegten Kraftwerk am Neckar holte. Noch heute laufen die alten Turbinen, der Strom wird jedoch an die EnBW geliefert. Zur HOS-Gruppe, also Heinrich Otto und Söhne, mit Sitz in Wendlingen,  gehören Spinnereien und Textilveredler an fünf Standorten. HOS-Geschäftsführer ist in fünfter Generation Dirk Otto, der Neffe von Hartmut Otto.

 

Mit einer Spindel und einer PET-Flasche in der Hand begann Tamer Coskun seine Einweisung in das Reich einer Garnspinnerei. Tatsächlich stammt das Rohmaterial, das in Unterboihingen verarbeitet wird, ausschließlich aus alten Plastikflaschen. Aus dem recycelten Material entstehen in der Spinnerei hochwertige Garne, aus denen wiederum Bekleidung, Haus- und Heimtextilien, auch Autositze sowie Artikel im medizinischen Bereich entstehen. Otto Garne GmbH arbeitet mit der Textilforschungsanstalt in Denkendorf zusammen. Zu ihren Kunden gehören bekannte Hersteller wie Odlo und Falke. ,,Es gibt heute nur noch fünf große Spinnereien in Deutschland,“ berichtete Coskun. „Wir wollen besser sein als andere und suchen uns Nischenprodukte.“ Noch laufen die Geschäfte in diesem sensiblen Bereich mit der harten Konkurrenz aus Asien gut. Die hochmodernen Spulmaschinen in den historischen Gebäudehallen laufen vom 2. Januar bis zum 32. Dezember rund um die Uhr durch. Die Spinnerei produziert 80 bis 90 Tonnen Garn im Monat. Auf einer einzigen Spule, so erfahren die Besucher, können hochwertige Fäden bis zu einer Länge von 400 Kilometern aufgespult sein.

 

Die PET-Flaschen werden in großen Quadern zu Fasern zerquetscht zwar aus China angeliefert, dennoch ist ihre Nachhaltigkeitsquote gegenüber Baumwolle oder Seide positiv. Um ein Kilogramm Baumwolle her zu stellen, so erfuhren die Besucher, werden 20 000 Liter Wasser benötigt. In Unterboihingen braucht es vom recycelten Kunststoffmaterial bis zum hochwertigen Faden lediglich Erfahrung und Strom. Und den liefern die alten Turbinen aus dem Wasserkraftwerk, in einer Stunde immerhin 400 Kilowatt, allerdings unter der Voraussetzung, dass der Neckar genügend Wasser führt. Der Umwelt zuliebe, so appellierte der Leiter der Spinnerei zum Ende der Führung, sollte man lieber weniger, dafür hochwertige Textilien kaufen.



(Beitrag von Inge Mierke)